Einmal Renaissance und zurück: Ein Wochenende in Troyes, Frankreich

Troyes (F), Place de la Libération mit Kirche St-Urbain, schwarz-weiss
Troyes (F), Place de la Libération mit Kirche St-Urbain.

Die französische Kleinstadt Troyes klingt auf dem Papier nicht besonders spektakulär: Knapp 63’ooo Einwohner, zwischen 100 und 126 Meter über Meer, 13.6 m2 Fläche, stündliche Zugverbindungen nach Paris und Mulhouse. Ein Besuch in der weitläufigen Altstadt offenbart dann jedoch, dass Troyes in der Renaissance eine blühende Stadt war, die mit zu den kulturellen Zentren des französischen Königreichs gehörte.

Abb. 2 zum Artikel Troyes
Troyes, Blick durch die Rue du Palais de Justice.

Das alte, von der Seine umflossene Stadtzentrum bietet nämlich nicht nur wunderschöne Gässchen und romantische Fachwerkhäuser, sondern ausser der Kathedrale noch sage und schreibe acht grosse Kirchen (von denen einige nicht akut einsturzgefährdet und deshalb sogar für Besucher geöffnet sind) und Museen, die von Alten Meistern über fantastische Skulpturen des 16. Jahrhunderts, allerhand Werkzeugen bis hin zu ausgeklügelten Strickmaschinen alles zu bieten haben. Auf gehts zu einem Rundgang zu meinen persönlichen Highlights eines langen Wochenendes in dieser schönen Stadt.

Abb. für Troyes-Beitrag
Troyes, Ziehbrunnen an der Rue de la Cité.

Doch zuerst ein kurzer Abstecher in die Geschichte. Troyes, das antike Augustobona, hat seinen Namen vom keltischen Volk der Tricassen, das es einst bewohnte. Als alte Bischofsstadt war es schon immer ein kirchliches Zentrum, die Kathedrale ist schon 454 erwähnt. Der wirtschaftliche Aufstieg folgte dann ab dem 10. Jahrhundert, als die Grafen von Troyes sich immer unabhängiger vom fränkischen Reich machten. Sie dehnten ihr Einflussgebiet auf die gesamte Umgebung aus und nannten sich fortan Grafen der Champagne. Unter ihnen blühten im 12. und 13. Jahrhundert die Messen in Troyes, Händler und Kaufleute aller Herren Länder trafen sich hier. Die Zeit der berühmten ‚Champagnemessen‘ war jedoch spätestens mit dem Hundertjährigen Krieg 1337-1453 vorbei.

Künstlerische Blütezeit

Auf diese Zeit wirtschaftlichen Niedergangs folgte dann ab dem frühen 16. Jahrhundert die Reaktivierung der Messen. Damit begann ein nie dagewesener wirtschaftlicher Aufschwung der Stadt an der Seine, der fast das ganze Jahrhundert lang anhalten sollte. Zunächst jedoch verwüstete 1524 ein Brand weite Teile der Innenstadt, die aber mit den reichlich vorhandenen finanziellen Mitteln schnell wieder instand gestellt wurde. Die Religionskriege zwischen dem katholischen und dem protestantischen Lager führten jedoch ab den 1570-ern zur Auswanderung vieler hugenottischer Handwerker- und Händlerfamilien in die protestantischen Gebiete des Heiligen Römischen Reiches. Dies setzte der baulichen und künstlerischen Blütezeit ein Ende. Der Denkmälerbestand von Troyes erstreckt sich also vom 13. bis etwa zur Mitte des 16. Jahrhunderts, wobei der Schwerpunkt klar auf der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts liegt. Besonders an Skulptur und Glasmalerei der Renaissance und des Manierismus hat Troyes einen exquisiten Bestand bewahrt.

Kathedrale St-Pierre-St-Paul

Troyes, Kathedrale St-Pierre-St-Paul, Westfassade. Entwurf Martin Chambiges, Turm später, 1507-1634. Die eigentlich fünfschiffige Anlage bekam einen traditionellen dreiteiligen Abschluss.
Troyes, Kathedrale St-Pierre-St-Paul, Inneres gegen Osten. Chorpartie um 1200 – 1235/36 (obere Partien nach Teileinsturz infolge Sturmschäden 1228 neu aufgeführt, Vorbild St-Denis), Querschiff und Langhaus um 1210 – um 1500.
Troyes, Kathedrale St-Pierre-St-Paul, Inneres. Blick in den südlichen Chorobergaden mit den Glasmalereien der 1230er-Jahre. Triforium und Obergaden sind komplett in Glasfenster aufgelöst, hierin dem Beispiel der Abteikirche St-Denis bei Paris folgend.
Troyes, Kathedrale St-Pierre-St-Paul, Inneres. Untersicht in das Gewölbe einer Chorumgangskapelle. Die Chorpartie war im 19. Jahrhundert derart baufällig, dass Eugène Millet von 1849 bis 1866 die Fundamente und das Strebesystem erneuern musste.
Troyes, Kathedrale St-Pierre-St-Paul, Inneres. Nördliches Querschiff. Die grosse Rose stürzte 1390 ein und wurde 1408/09 wieder eingebaut. Ein massiver Mittelpfosten sollte dem Ganzen Stabilität verleihen. Gleichzeitig wagte man es, das gesamte quadratische Wandfeld bis in die Ecken zu verglasen.
Troyes, Kathedrale St-Pierre-St-Paul, Inneres. Blick in des Übergangsjoch zwischen nördlichen Seitenschiffen und Westwerk. Martin Chambiges entschied sich dafür, den fünf Schiffen des Langhauses eine dreiteilige Westfassade vorzublenden. Dies erreichte er durch die Zwischenschaltung dreieckiger Gewölbe. Die Rückseite der Westfassade ruht auf massiven Pfeilern mit opulenter Profilierung.

St-Urbain

Ste-Madeleine

St-Pantaléon

St-Jean-au-Marché

Musée St-Loup

Musée de Vauluisant

Montbenoît: Ein Kleinod der brabantischen Spätgotik im Jura

Nur ein Steinwurf von der Schweizer Grenze entfernt steht die Abtei von Montbenoît im französischen Jura – ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Bildhauerei und Schnitzerei. Ausserdem fasziniert sie als Gemeinschaftswerk eines Niederländers und eines Spaniers in Formen der Gotik und Renaissance im abgelegenen Tal des Doubs. Ich finde: unbedingt einen Besuch wert!

Treffen sich ein Franzose, ein Spanier und ein Niederländer … So könnte man grob vereinfacht die Entstehung des Chors der Abteikirche von Montbenoît beschreiben.

Aber von vorne. Das Dörfchen Montbenoît mit seiner Abtei liegt an den Ufern des Doubs im Saugeais. Eingebettet zwischen endlosen Wäldern und hügeligen Weiden stand es bestimmt nie im Interesse der Weltöffentlichkeit. Trotzdem entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte ein beeindruckender Gebäudekomplex, der ausser der Kirche auch einen sehenswerten Kreuzgang aus dem 14. und 15. Jahrhundert umfasst. Doch wie kommt dieses Schmuckstück an so einen abgelegenen Ort?

Von der Gründung…

Entstanden ist das Kloster wohl aus einer Einsiedelei, die sinnigerweise von einem bestimmten Benoît in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts bezogen wurde. 1141 besiedelten Mönche aus der Saint-Maurice im Wallis den Ort und richteten eine klösterliche Gemeinschaft nach der Regel des heiligen Augustin ein. Als Wohltäter des sich nun entwickelnden Konvents traten die Herren von Joux auf, die sie mit bedeutenden Gütern ausstatteten. Welche Auswirkungen ihr Aussterben 1326 auf die Abtei hatte, wissen wir nicht mehr genau. Die heute sichtbaren Gebäude stammen grösstenteils aus dem 15. Jahrhundert, das Langhaus der Kirche wurde vermutlich um 1200 gebaut. Im Westen schliesst ein mächtiger Turm aus den 1920-er Jahren das Kirchenschiff ab.

… bis zu Ferry Carondelet

1515 trat Ferry Carondelet (1473-1528) auf den Plan. Er hatte nicht nur einen sehr schönen Namen, sondern war auch dafür verantwortlich, dass dieses trinationale Unternehmen in Angriff genommen wurde. Und das kam so: Carondelet war schon ein vielgereister Mann, als er Abt in Montbenoît wurde. Ursprünglich kam seine Familie aus Dole in der Franche-Comté. Bereits sein Vater war jedoch an den Hof der Burgunderherzöge in Mecheln gegangen und hatte dort unter Karl dem Kühnen (1433-1477) als Vorsitzender des Parlaments geamtet. So kam denn sein Sohn in Mecheln zur Welt. Auch Ferry wurde nach seinem Jus-Studium Beisitzender des nun Grosser Rat von Mecheln genannten Gremiums. Mittlerweile hatten die Machthaber gewechselt. Nicht mehr die Valois waren Herzöge von Burgund, sondern die Habsburger. Die burgundischen Niederlande waren zu den österreichischen Niederlanden geworden. Regentin war Margarete von Österreich (1480-1530), und in ihren diplomatischen Diensten stand Ferry Carondelet. Dabei verbrachte er die Jahre 1510-1513 am päpstlichen Hof in Rom. Er konnte also die neusten künstlerischen Entwicklungen in Italien gleich selber kennenlernen. Aus dieser Zeit stammt auch das von Sebastiano del Piombo (1485-1537) gemalte Bildnis, das sich heute in Madrid befindet. Auch sonst tat Ferry sich als Patron der Künste hervor. Für die Privatkapelle seiner Familie an der Kathedrale von Besançon liess er von Fra Bartolomeo (1472-1517) ein Altarbild malen, auf dem die Madonna mit den heiligen Sebastian, Stefan, Johannes dem Täufer, Antonius und Bernhard von Clairvaux zu sehen sind. Es überrascht, dass der Diplomat mit bestimmt guten Karriereaussichten sich dazu entschloss, in seine Heimat zurückzukehren und Abt eines abgelegenen Klosters zu werden. Für uns erweist sich das jedoch als Glücksfall, denn hier konnte er seine Tätigkeit als Mäzen voll entfalten.

Carondelets Massnahmen

Das Langhaus, um 1200, Ansicht von Nordost.

An das eher unscheinbare frühgotische Langhaus baute er einen grosszügigen, lichtdurchfluteten Chor an, den er üppig ausstatten liess.

Beitrag Montbenoît - Ill.
Pieter Buyens, Chor der Abteikirche Montbenoît, 1522-1526.

Im Inneren erscheint der Chorraum als leuchtender Höhepunkt, wenn man aus dem düsteren Langhaus schaut. Ursprünglich war der Prunk hinter einem Lettner verborgen, sodass man nur die Fenster und Gewölbe sah.

Beitrag Montbenoît - Ill.
Pieter Buyens, Chor der Abteikirche Montbenoît, 1522-1526, Inneres nach Osten.

Der Bildhauer und Architekt Pieter Buyens stammte aus Antwerpen. Dies erklärt auch, warum an dem Bauwerk Formen zu sehen sind, die genauso in der 600 Kilometer entfernten Hafenmetropole verwendet wurden. Man vergleiche nur die raffinierten Masswerkfenster mit dem Turm der Kathedrale.

Beitrag Montbenoît - Ill.
Pieter Buyens, Chor der Abteikirche Montbenoît, 1522-1526, Gewölbe.

Auch die Schlusssteine im Gewölbe, die dem Verlauf der Rippenkreuzungen folgen, sind typisch brabantisch. Hier tummeln sich Putten, die unter anderem Wappenschilde Ferry Carondelets halten. An einem dieser Schlusssteine hat Buyens das Werk signiert – leider schwierig zu fotografieren. Auch die gleichzeitige Rankenmalerei ist schön erhalten. Ob die Glasmalerei in den Masswerkcouronnements noch original ist?

Beitrag Montbenoît - Ill.
Wohl Francisco de Toiria, Chorgestühl der Abteikirche Montbenoît, Evangelienseite, um 1520-1526.

Ein Spanier, Francisco de Toiria, schuf vermutlich mit einer Werkstatt und möglicherweise zusammen mit Buyens das Chorgestühl. In den Quellen werden beide gemeinsam als „Meister des Tischler- und Bildhauer-/schnitzerhandwerks“ bezeichnet. Mit ihren reichen Verzierungen muten die Rückwände fast schon barock an, während in den Bekrönungen noch Anklänge an gotische Fialen auftauchen. Das ganze ist höchst qualitätsvoll geschnitzt.

Beitrag Montbenoît - Ill.
Wohl Francisco de Toiria, Chorgestühl der Abteikirche Montbenoît, um 1520 – 1526, Seitenwange.

Manche Darstellungen passen nicht so recht in ein Kloster. Sie dürften bei den Klosterbrüdern Erheiterungen hervorgerufen haben, so das Relief der Phyllis, die auf dem Rücken ihres Mannes Aristoteles reitet. Moralischer Kommentar ja, aber musste das die Mönche überhaupt kümmern?

Beitrag Montbenoît - Ill.
Wohl Pieter Buyens, Priestersitz und Lavabo der Abteikirche Montbenoît, um 1520 – 1526.

Auch das steinerne Mobiliar ist in modernen Renaissanceformen gehalten und mit erlesenen Verzierungen ausgestattet. Die Umrahmung des Priestersitzes überzeugt mit üppigen Balustersäulen. Auf den Gebälken finden sich Inschriften, die auf den Stifter Carondelet verweisen und die genauen Jahreszahlen der Vollendung mitteilen.

Beitrag Montbenoît - Ill.
Wohl Pieter Buyens oder Francisco de Toiria, Epitaph für die Herren von Joux, um 1525, Abteikirche von Montbenoît.

Überhaupt war Ferry Carondelet wohl sehr daran gelegen, sich als Patron zu verewigen. Dazu benützte er einen Kunstgriff, mit dem er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte: Beim Neubau des Chores muss das Grabmal der Herren von Joux in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Kurzerhand errichtete Carondelet ihnen ein Neues. Darauf sieht man Landry de Joux hoch zu Ross in voller Rüstung. Ein wenig erinnert das Epitaph und die Figur an Grabmäler italienischer Condottieri, beispielsweise im Mailänder Dom. Nicht nur den längst vergangenen Schirmherren der Abtei wurde damit ein Denkmal gesetzt, sondern auch dem neuen Mäzen und Abt. Carondelets Terrakottabüste befindet sich unten in der Mitte. Die Inschrift belehrt uns über seine Taten als Benefaktor der Abtei und Bewahrer der Erinnerung an die Herren von Joux.

Beitrag Montbenoît - Ill.
Wohl Pieter Buyens oder Francisco de Toiria, Epitaph für die Herren von Joux, um 1525, Abteikirche von Montbenoît, Detail Terrakottabüste Ferry Carondelets.

Kurz:

Spezifische historische Gegebenheiten und die Weltgewandtheit des Abtes Ferry Carondelet liessen Montbenoît also zu einem Juwel der Übergangs zwischen Spätgotik und Renaissance zwischen den Hügeln des Juras werden. Carondelet wollte die besten Künstler und Handwerker, die er bekommen konnte. Dabei engagierte er einen Brabanter, der mit den neuesten Formen aus Antwerpen vertraut war und einen Spanier, der ebenso gut mit den italienischen Formen umgehen konnte.

Es war dies übrigens nicht die einzige Baustelle in Ostfrankreich, an der niederländische Bauleute federführend waren – aber davon vielleicht ein andermal (Spoiler: wenn ich Zeit und Mittel auftreiben kann, Bourg-en-Bresse zu besuchen) …

Ausflugstipp

Wer nicht stolzer Besitzer eines Automobils oder ein solches nicht zu lenken im Stande ist, erreicht Montbenoît nicht so leicht. Wer es trotzdem versucht, kann aus der Not eine Tugend machen und den Ausflug mit einer schönen Wanderung verbinden. Ich schlage für einen Tagesausflug am Wochenende folgendes vor:
Von der Schweiz aus Anreise mit dem RE von Neuchâtel nach Pontarlier 07:06 – 07:52. Von dort Weiterreise mit dem Bus LR206 nach Montbenoît 08:20 – 08:39. Um 09:30 öffnet die Abtei ihre Pforten, wobei zu beachten ist, dass der Besuch des Chorraums und des Kreuzgangs nur im Rahmen von Führungen möglich ist. Diese werden 2-stündlich angeboten. Dabei kann man auch einen Blick auf die Fragmente des ehemaligen Lettners erhaschen. Der Bus zurück nach Pontarlier fährt um 19:00. Wer für die Besichtigung nicht so lange braucht, kann den Weg nach Pontarlier zu Fuss zurückzulegen. Glücklicherweise steht dafür auch eine wunderschöne Route bereit. In etwa drei Stunden gelangt man so wieder in das ebenfalls sehenswerte Städtchen, wo der Zug zurück in die Schweiz schon wartet.

Beitrag Montbenoît - Ill.
Blick zurück auf Montbenoît.

Lesetipp

Nicolas Boffys Aufsatz über die Persönlichkeit Ferry Carondelets als Kunstmäzen hat mir beim Verfassen dieses Artikels sehr geholfen. Man findet den Link dazu in meiner Bibliografie.

Das Grabmal der Prinzessin Elisabeth von Ungarn aus dem Kloster Töss – revisited

1336 starb im Dominikanerinnenkloster Töss bei Winterthur die ungarische Prinzessin Elisabeth. Die Überreste ihres Grabmals wurden zuletzt vor genau 80 Jahren genauer untersucht. Zeit, noch einmal hinzuschauen.

Als Nonne war es für Elisabeth nicht selbstverständlich, ein steinernes Grabmal neben dem Hochaltar der Klosterkirche zu bekommen. Doch sie war auch keine normale Nonne. Die Tochter von Andreas III. von Ungarn war die letzte Vertreterin des uralten Königsgeschlechts der Arpáden. Wie sie nach Töss kam, warum sie als Heilige verehrt wurde und wie sich das in ihrem Grabmal widerspiegelt – dies und noch viel mehr ist Thema des Vortragnachmittags am 13. Mai im Kirchgemeindehaus Töss.

Dr. Silvia Volkart geht der Frage nach, was mit dem Kloster nach der Reformation passierte, denn die Geschichte ist mit Elisabeth noch keineswegs zu Ende erzählt! Zusammen werden wir das Kloster Töss als einen Ort lebendiger Geschichte in Erinnerung rufen. Zudem ist für das seelische und leibliche Wohl gesorgt. Hier könnt ihr euch direkt bei Pfarrer Helge Fiebig anmelden („Töss“ und „Mai 2022“ auswählen).

Freitag, 13. Mai 2022, 14.15–22.00 Uhr Töss Das Kloster Töss - ein Ort lebendiger Geschichte Das Kloster Töss - ein Ort lebendiger Geschichte Nahrung für Geist, Seele und Gaumen 1) Vorträge, Kleiner Saal, 14:00 h - 16:00 h 14:15 h: Adelsgrab oder Reliquienschrein? – Der Sarkophag der Elisabeth von Ungarn Thomas Zweifel, Master of Science Kunstgeschichte 15:15 h: Als die Nonnen gegangen waren und die Maschinen noch nicht ratterten - Einführung in die Lebenswelt der Amtszeit – Dr. Silvia Volkart, Kunsthistorikerin Pause 2) Kurzer Gottesdienst, Kirche, 16:45 h - 17:30 h 3) Apéro für alle, Foyer, ggf. draussen, 17:45 h - 18:45 h 4) Menu surprise für Angemeldete, 19:00 h - 22:00 h – Alexander Bindig, Gastronom Pfarrer Helge Fiebig 052 202 67 72

P.S.: Silvia Volkart und ich werden in der Sommerausgabe der Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte einen Artikel zum Grabmal veröffentlichen, in dem bisher unbekannte Aspekte vorgestellt werden. Ausserdem: Was passierte mit dem Stein bis zu seiner Einlieferung in das Landesmuseum 1898?

Weihnachtsstern

Eines meiner Steckenpferde ist das Herumspielen mit altertümlichen Formen in SketchUp. Dabei ist letzthin saisongerecht dieser Pavillon mit Sterngewölbe entstanden. Wär doch was für den Garten, mit einem Whirlpool, oder?

Schöne Festtage und einen guten Rutsch jedenfalls!

Florilegium I: Grandson, Eglise de St-Jean-Baptiste, Priorssitz

Der Prior der Johanneskirche in Grandson liess sich nicht lumpen, als er um 1480 einen Priorssitz bestellte: Gar nichts musste er daran vermissen – ausser vielleicht den Sitzkomfort. Zum Glück sass er jeweils nur kurz darauf, während der Messe, wenn die Chorknaben das Gloria sangen. Dann jedoch war er flankiert von Heiligen, sah man hinter ihm Maria, wie ihr Erzengel Gabriel die Ankunft Christi verkündigte und bekrönte ihn ein luxuriöser Baldachin mitsamt hängendem Schlussstein. Das Ganze ist eine exquisite Schnitzarbeit, voller Details und Raffinesse. Keine Fläche bleibt ohne Ornament oder figürliche Darstellung, keine Kante ohne Blumenranken. Zwischen Maria und Gabriel entspringt einer Vase der Lilienzweig als Symbol der Unbefleckten. Die Proportionen sind ausgewogen, delikat die Balance des ausladenden Baldachins mit seinen elegant geschwungenen Seiten. Ursprünglich am nordöstlichen Vierungspfeiler aufgestellt, befindet er sich heute im nördlichen Querschiff.

Detailansicht Beitrag Grandson
Grandson, Kirche St-Jean-Baptiste, Stuhl des Priors, um 1480, Holz geschnitzt, Detail Rückenlehne: Verkündigung.

Wie kommt man zu so einem coolen Grabmal? – Anleitung

Zumindest was sein Grabmal angeht, hat der Ritter Otton de Grandson (ca. 1238 – April 1328) alles richtig gemacht. Nicht nur besteht es aus erlesenen Steinsorten, ist reich verziert und ziemlich gross – es steht auch am richtigen Ort. Denn der Platz direkt neben dem Hochaltar der Kathedrale von Lausanne war normalerweise für Kirchenmänner reserviert. Aber wie kommt man dann als Laie zu solcher Ehre? Eine Anleitung in 3 Schritten.

Schritt 1: Sei ein Ritter

Nicht einfach irgendein Ritter. Otton de Grandson liess sich in eines der angesehensten Adelsgeschlechter der Westschweiz gebären und hat damit schon mal den ersten Test bravourös bestanden. Als einfacher Bürger, oder – Gott bewahre! – Bauer hätte er es vermutlich nicht mal in das Kirchenschiff gebracht. Wäre sein erklärtes Lebensziel ein möglichst prunkvolles Grabmal auf der Poleposition zum Paradies gewesen, hätte er eine kirchliche Laufbahn einschlagen und mindestens Erzbischof, wenn nicht sogar Papst werden müssen. Darunter tat es die katholische Kirche meistens nicht. Aber Otton de Grandson hatte noch ein paar andere Asse im Ärmel.

Schritt 2: Werde zu einer Legende

Teil 1: Mach ein Welschlandjahr ein Auslandssemester

Als Adliger hatte unser Ritter sicher bessere Voraussetzungen, aber das höchste der Gefühle war für ihn trotzdem eine hübsche Grabplatte mit seiner Figur in voller Rüstung drauf und jährliche Messen zu seinem Seelenheil, gelesen von einem desinteressierten Priester. Otton musste also etwas tun, das ihn aussergewöhnlich machen würde. Er ging nach England. Das war zwar an sich nichts wirklich unerhörtes, denn seine Herrschaft Grandson gehörte zum Dunstkreis des Herzogs von Savoyen und der Herzog von Savoyen wiederum unterhielt blendende Beziehungen mit dem englischen Königshaus. Verschiedene Verwandte Ottons waren denn auch bereits in die Dienste von Edward I. getreten. Er tat es ihnen also gleich und wurde „Household Knight“ für den König. Das klingt für uns zwar eher nach Staubsaugroboter, war aber am Hofe eine angesehene Position, die ihn in das nächste persönliche Umfeld des Königs katapultierte. Das Abenteuer konnte beginnen!

Teil 2: Werde zum Kriegsheld

Edward I. hatte links neben seinem Königreich so ein Anhängsel der britischen Insel, das er gerne erobern wollte, nämlich Wales. Und Otton war genau sein Mann. Also nicht wirklich sein Mann, aber zumindest „united to him in a lifelong and peculiar friendship“. Wie auch immer, auf jeden Fall leitete er den Kriegszug gegen Llywelyn ap Gruffydd, der dann 1284 auch mit dem Sieg der Engländer endete. Daraufhin machte Edward Otton zum Justitiar des neu eroberten Wales. Als solcher hatte er unter anderem die Oberaufsicht über den Bau der neuen Burgen. Als Baumeister wirkte dabei ein weiterer Savoye, James of St. George, der zuvor schon Schloss Yverdon generalüberholt hatte.

Gesamtansicht des Grabmals Otton de Grandson
Grabmal Otton I. de Grandson, um 1328, (Carrara?-)Marmor, schwarzer Kalkstein von St-Triphon, Sandstein, Länge der Liegefigur 199 cm, Lausanne, Kathedrale. Das rechte Ecktürmchen wurde 1911 entfernt, um die Polychromie des Pfeilerkapitells zu restaurieren. Anscheinend ging es daraufhin vergessen und wurde nicht wieder installiert.

Teil 3: Werde zum Kriegsheld – im Heiligen Land!!!

1290 zeichnete sich ab, dass Akkon, der letzte Stützpunkt der Kreuzfahrer im Heiligen – aber nicht wirklich heimeligen – Land wohl schon bald an die Mamluken fallen dürfte. Edward, der schon lange Fan eines weiteren Kreuzzugs war, wollte das unbedingt verhindern und witterte seine Chance auf eine heldenhafte Aktion zur Rettung des Christentums, abendländischer Werte und des Universums. Oder so. Er schickte Otton de Grandson, der grade auf Sizilien weilte (lange Geschichte…) schon mal vor, um alles für seine eigene Ankunft vorzubereiten. Kurz zusammengefasst: Dazu kam es nicht. 1291 griff Sultan Chalil an und machte die Stadt dem Erdboden gleich. Die Christen waren unter sich heillos zerstritten gewesen und hatten keine ernstzunehmende Verteidigung auf die Reihe gebracht. Für unseren Otton aber war der Moment gekommen, zu glänzen: Er kämpfte tapfer und war einer der letzten, die die Stadt über den Seeweg verliessen.

Teil 4: Make it to the Chronicles

Das alles machte Otton schon bald nach seinem Tod zu einer Legende. So berichtet Johannes Longus von Ypern, Mönch des Klosters Saint-Bertin bei Calais, in seiner Chronica Sancti Bertini über den etwa 50 Jahre zuvor verstorbenen Ritter allerhand Faszinierendes. Bereits vor der Geburt sei seinem Vater von Astrologen geweissagt worden, der Sohnemann würde gross, mächtig und siegreich werden. Ein anwesender Skeptiker aber nahm einen Kienspan aus dem Herdfeuer und munkelte, der Junge würde nur so lange leben, wie der Kienspan brennen würde. Kurzerhand liess der Vater den Kienspan einmauern, damit er nie verlöschen möge. Tatsächlich wuchs der Sohn heran, lebte ungefähr 90 Jahre und liess dann, gebeugt vom Alter, den Kienspan aus der Mauer entfernen und warf ihn ins Feuer, woraufhin er endlich verstarb. Das war aber noch nicht alles. Als er mit Edward im Heiligen Land weilte, wurde der König mit einem Pfeil vergiftet. Otton de Grandson saugte ihm das Blut aus der Wunde und rettete so sein Leben. In allen anderen Chroniken wird diese heldenhafte Tat jedoch Edwards Frau, Eleonore von Kastilien, zugeschrieben. Wer sein Mittellatein etwas auffrischen möchte, kann die Geschichte hier nachlesen (De transfretatione Edoardi, filii regis Anglie).

Schritt 3: Networking ist die halbe Miete

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Otton wieder grösstenteils in der Waadt. Dann dürfte er sich auch um sein Begräbnis gekümmert haben. So schenkte er der Kathedrale von Lausanne ein Altartuch, das aus zyprischem Tuch besteht und in London umgearbeitet worden war. Heute befindet es sich im Bernischen Historischen Museum. Er vermachte der Kathedrale darüber hinaus grössere Geldsummen und sein Begräbnis soll weit und breit das prunvollste gewesen sein. Geschadet hat sicher auch nicht, dass mit Otton de Champvent sein Cousin auf dem Bischofsthron sass.

Was bleibt

Die Lebensgeschichte Ottons von Grandson sprengt so ziemlich jeden Rahmen, den man sich im Spätmittelalter vorstellen konnte. Politisch, geografisch, biologisch – in all diesen Bereichen setzte er Massstäbe. Gleichzeitig erinnerte sein Leben an die romanhaften Erzählungen grosser Rittertaten, die damals bereits der Vergangenheit angehörten und an die Generationen von Adligen während des folgenden Hundertjährigen Krieges anzuknüpfen versuchen sollten. Hierzu passt das luxuriöse Grabmal aus Marmor, das nicht zuletzt Ottons tiefe Religiosität widerspiegelt. Er war eben schon zu Lebzeiten ‚bigger than life‘ gewesen, und offensichtlich sorgte nicht nur er selbst dafür, dass das auch so blieb.

Literatur

Für weitergehende Literatur verweise ich wie immer auf meine Bibliografie.

Gotik und Renaissance – Zwischen Konkurrenz und Symbiose

Wann genau endete die mittelalterliche Gotik und wann begann die moderne Renaissance? Die Kunstwissenschaftler:innen diskutieren intensiv über diese Zeit um 1500. Dabei sahen es die Zeitgenoss:innen viel entspannter: Sie verwendeten einfach beide Stile gleichzeitig. Ein Blick nach Schaffhausen soll das veranschaulichen.

„The Renaissance was the greatest con trick ever played on patrons and the practitioners of architecture.“

Ian Campbell

Mittlerweile wagt selbst dieser angesehene Architekturhistoriker laut auszusprechen, was jahrhundertelang höchstens hinter vorgehaltener Hand geraunt werden durfte: Die Renaissance hat uns um die virtuose, sinnliche Architektur der Gotik betrogen und uns stattdessen trockene, langweilige Theorie vorgesetzt.

Wo blieben die fantasievollen Masswerke, die noch vor kurzem jedes Fenster gefüllt und jede Wand übersponnen hatten? Wo die aufragenden Gewölbe, deren kühne Rippenverläufe mittels hochkomplexer Geometrie vom Papier auf den Stein und schliesslich in den Raum übertragen wurden? Was war mit den Gewändern der Figuren passiert, die die Körper der Heiligen in überreichen Faltenwürfen umhüllt hatten?

Denken in Epochengrenzen

Prag, Wladislawsaal auf dem Hradschin, Gewölbeanfänger, Benedikt Ried, 1490/93 – 1502.

Das Verhältnis der Forschung zu jener Zeit des Umbruchs im 16. Jahrhundert war jedenfalls nie besonders entspannt. Die Spezialist:innen für mittelalterliche Architektur werteten jedes noch so kleine Eindringen von Renaissance-Formen als untrüglichen Hinweis auf einen Spätstil, der deutlich auf dem absteigenden Ast war. Hatte die Gotik nicht schon zur Zeit Peter Parlers (1330/1333 – 1399) ihren Zenit überschritten? Waren die blütenhaften Gewölbe beispielsweise eines Benedikt Ried (um 1454 – 1534) mit ihren doppelt gekrümmten Rippen nicht Ausdruck einer gewissen Dekadenz? Zweifelsohne, die klassische Zeit der Gotik war vorüber und an ihre Stelle war kreativer Wildwuchs getreten.

Währenddessen beklagten sich Renaissance-Fachleute über die „Stilverspätung“ in den Gebieten nördlich der Alpen. Gerade hier in der Schweiz wurde immer wieder die Rückwärtsgewandtheit der einheimischen Bautätigkeit im 16. Jahrhundert betont. Die Maison des Halles in Neuenburg (1569 – 1575)? Reine Applikation von Renaissance-Details auf einen gotischen Baukörper unter Missachtung der klassischen Säulenordnungen! Der Spiesshof in Basel (1585 – ca. 1590) wies zwar eine nach allen Regeln der Kunst durchgestaltete Renaissancefassade auf, mit Palladio-Motiv und allem drum und dran, aber wie hatte Daniel Heintz (1559 – 1596) es wagen können, den grossen Saal im dritten Obergeschoss mit spätgotischen Netzrippen zu überwölben?!

Neue Sichtweisen

Das Zitat am Eingang dieses Beitrags stammt aus einer Rezension zum 2012 erschienenen Buch, in welchem der Architekturhistoriker Ethan Matt Kavaler das Problem des Verhältnisses der beiden Baustile um 1500 ganz neu aufrollt. Dafür erschafft er gleich einen ganz neuen Stilbegriff, nämlich den der Renaissance Gothic, also „Renaissancegotik“. Anstatt die Gegensätzlichkeit und das erst im Nachhinein konstruierte Konkurrenzverhältnis zu betonen, verschmilzt er die beiden Begriffe. Denn er hat erkannt, dass wir es nördlich der Alpen und auf der iberischen Halbinsel bis weit ins 16. Jahrhundert hinein mit nur einem Stil zu tun haben, der sich sowohl gegen den vorhergehenden als auch den nachfolgenden Stil hin abgrenzen lässt.

Renaissancegotik ist eben nicht mehr die klassische Gotik der Kathedralen und sie unterscheidet sich – so Kavaler – auch deutlich von der eigentlichen Spätgotik. Vielmehr handelt es sich um einen Stil in der Kunst und Architektur von ca. 1470 – 1550, der zwar in der Tradition der Gotik steht, letztlich aber ohne die Renaissance in Italien nicht entstanden wäre. Die Gotik war nicht mehr der einzig denkbare Baustil und diese Erkenntnis brachte die nordeuropäischen Architekten dazu, ihre Traditionen zu hinterfragen. Und zwar mit den ihnen eigenen Mitteln und ihrem Architekturverständnis.

Renaissancegotik in Schaffhausen

Post Schaffhausen, Bild 2
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, Täuberkapelle, Gewölbe, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517.

Von 1515 bis 1517 bauten die Schaffhauser:innen ihre Stadtkirche St. Johann zur fünfschiffigen Basilika aus. An die zwei bestehenden Seitenschiffe fügten sie im Norden und Süden je ein weiteres an und schufen so die breiteste Kirche der Schweiz. Die Besonderheit dieser Erweiterung besteht darin, dass hier zum ersten Mal in der Deutschschweiz Renaissanceformen in die Bauskulptur aufgenommen wurden. Interessanterweise aber nur in einem der beiden Schiffe. Und das, obwohl beide gleichzeitig errichtet wurden!

Dekonstruktivismus im Norden…

Gotische Formen im nördlichen Seitenschiff
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, nördliches Seitenschiff, Blick nach Osten, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517. Die Gewölberippen überschneiden und durchdringen sich bereits weit vor der Wand. Sie sind nicht an Konsolen verankert.

Im nördlichen Seitenschiff wirken die Gewölbe bedrohlich instabil: An keinem Punkt scheinen die Rippen mit dem Baukörper verbunden, denn an den Arkadenpfeilern laufen sie vorbei. Die Gurtbögen, die die Joche voneinander trennen, sind zwischen den restlichen Gewölbegliedern eingeklemmt. Anstatt aus den Pfeilern und Wänden herauszuwachsen, scheinen die Gewölbe lose in das Seitenschiff eingehängt zu sein, als könnten sie jederzeit herunterfallen. Die bunte Bemalung der Rippenstümpfe tut das ihre, um uns weiter zu verwirren. Sie löst die festen Körper optisch in eine Vielzahl kleiner, abstrakter Flächen auf.

Post Schaffhausen 4
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, nördliches Seitenschiff, Gewölbeanfänger, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517. Die Rippen scheinen eher dürftig mit den Pfeilern verbunden zu sein.

Von unten betrachtet offenbart sich die ganze Komplexität der Rippenknäuel zwischen den Jochen. Sie wurden in präziser Arbeit aus grossen Steinblöcken gehauen. Dadurch, dass die Rippen nicht auf einen einzigen Punkt zulaufen, bekommt ihre Anordnung etwas Zufälliges – fast, also hätte jemand Mikado gespielt und dabei aus Versehen diese Gewölbe erschaffen.

Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, nördliches Seitenschiff, Gewölbeanfänger der Täuberkapelle, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517.

Etwas mehr Stabilität im Süden…

Gemässigtere Gotik im südlichen Seitenschiff
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, südliches Seitenschiff, Blick nach Osten, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517. Die Gewölberippen laufen geordnet auf die Wand zu. Dort werden sie mittels figürlicher Konsolen verankert.

Blicken wir dagegen ins südliche Seitenschiff, bekommen wir einen ganz anderen Eindruck. Sofort fallen die Konsolen an den Wänden und Pfeilern auf. Sie dienen als eindeutige Ankerpunkte der Gewölbe und markieren die Kämpferzone, also die Grenze zwischen den Gewölben und dem Raum darunter. Mehr oder weniger geordnet laufen in den Ecken alle Linien auf einen Punkt zu. Auch hier wirkt es jedoch nicht so, wie wenn die Konsolen die Gewölberippen stützen würden. Dafür ist die Verbindung zwischen ihnen zu wenig betont. Vielmehr scheinen sie, wie Sandsäcke an einem Heissluftballon, die Gewölbekappen daran zu hindern, einfach davonzuschweben.

Post Schaffhausen
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, südliches Seitenschiff, Gewölbekonsole, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517. Von einer Girlande umrahmt, balgen sich pausbäckige Putti.

Und wie um die Unterschiede zum gegenüberliegenden Seitenschiff zu betonen, hat der Baumeister hier, in den Konsolen des Südseitenschiffes, Formen aus Italien angebracht. Von der Antike inspiriert, über Musterbücher nach Norden transportiert – oder in den Mailänderkriegen selbst gesehen – tummeln sich Putti zwischen Füllhörnern, Girlanden und Fabelwesen. Nur einzelne Konsolen sind farbig gefasst. Dafür findet man dezente Vergoldungen, die bestimmte Bereiche innerhalb der Reliefs akzentuieren.

Renaissance-Konsole mit Datierung  A.D.M.N 1517
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, südliches Seitenschiff, Gewölbekonsole, vermutlich Augustin Henkel, datiert 1517. Zwei Fabelwesen halten das mit Rollwerk verzierte Schild.

Diese Details sind aber das einzige, das wirklich „Renaissance“ ist. Alles andere könnte in jedem spätgotischen Bau stehen, von den Gewölbemustern bis zur allgemeinen Form der Konsolen. Charakteristisch sind beispielsweise ihre oberen Abschlüsse mit einem Wasserschlag und den Überschneidungen in den Ecken. Sie zeugen von einer ganz anders gearteten Virtuostität als die Rippenknäuel im Norden. Diese betonen das Abstrakte, Geometrische, während hier das Figürliche, Sinnliche im Vordergrund steht.

Aber warum…?

Warum sich die Mühe machen, für zwei einander entsprechende Raumteile mit denselben Aufgaben unterschiedliche Systeme zu entwerfen? Schliesslich wäre es doch einfacher gewesen, man hätte für alle Bauteile dieselben Schablonen benutzt. Hier bietet es sich an, ein bisschen persönlicher zu werden: Die jeweils östlichsten Joche der Seitenschiffe wurden von zwei reichen Bürgerfamilien Schaffhausens gesponsert. Sie dienten also als Privatkapellen. Ihre Gestaltung könnte nicht unterschiedlicher sein.

Ungeordnete Gotik im Norden
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, nördliches Seitenschiff, Blick nach Nordwesten, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517. Im Vordergrund die Täuberkapelle.

Täubers liessen sich im Norden mit dem letzten Schrei der gotischen Formenwelt verewigen. Ihr Kapellengewölbe ist ein Meisterstück der Steinplanung. Nicht nur sind die Rippen gekurvt, nein, einige von ihnen sind nicht einmal mit dem Wölbgrund verbunden und schweben über weite Strecken frei durch die Luft. Das führt zu dramatischen Licht- und Schattenspielen. Es ist zweifelsohne weitherum die gewagteste und eindrücklichste Konstruktion. Als wäre das noch nicht genug, erscheint auf den blau gefassten Kappen ein Sternenhimmel, der aus der Kapelle eine luftige Laube macht. Die vier Evangelisten säumen den mittleren Schlusstein, der die Form eines geschweiften Vierpasses hat. Weiteren Reichtum bringt die zweigeschossige Altarnische in der Ostwand, die oben mit einem Kielbogen abschliesst. Sie ist dezentral angeordnet, sodass sie sich mit dem Gewölbeanfänger überschneidet.

Geordnete Gotik in der Löwkapelle
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, südliches Seitenschiff, Löwkapelle, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517.

Derweil setzten die Löw im Süden andere Akzente. Ihr Gewölbe wirkt deutlich straffer. Es ist engmaschiger und flacher, die Rippen laufen in den Ecken exakt auf einen Punkt zu. Das extravaganteste ist der hängende Gewölbeansatz im Scheitel des Arkadenbogens. Dort ist prominent das Familienwappen angebracht. Auch sonst ist das Gewölbe überall mit Figuren besetzt. Wir sehen einen kauernden Mann und Engelsköpfe als Konsolen, dazu Gottvater, einen Schmerzensmann, Maria mit Kind, Johannes der Täufer und den Heiligen Beat als Schlusssteine.

Gotik vs. Renaissance – (k)eine Frage des Geschmacks

Haben nun die beiden Familien mit der Gestaltung ihrer Kapellen das Aussehen der beiden Seitenschiffe beeinflusst? Oder spielten andere Faktoren hinein, von denen wir heute nichts mehr wissen? Klar wird auf jeden Fall, dass die beiden Räume mittels der Architektur voneinander unterschieden wurden. Das „unordentliche“, „dekonstruierte“ Nordseitenschiff mit vorwiegend abstrakten Formen und das „ordentliche“, „tektonische“ Südseitenschiff mit vielen figürlichen Ornamenten. Dass diese Ornamente gleichzeitig der Renaissance angehören – geschenkt. Die Bauleute mussten sich ja nicht zwischen Gotik und Renaissance entscheiden. Solch differenzierte Verwendung der Architektursprache finden wir an vielen Bauten dieser Zeit um 1500. Achten Sie mal drauf!

Abwesende Gotik in den Konsolen des südlichen Seitenschiffs
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, südliches Seitenschiff, Gewölbekonsole, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517. In einem Medaillon stehen sich zwei Männerbüsten gegenüber. Die Rahmung des Medaillons besteht dagegen aus spätgotischem Astwerk. Begleitet wird das ganze von (leeren!) Füllhörnern und exotisch aussehenden Früchten.
Abwesende Gotik in den Konsolen des südlichen Seitenschiffs
Schaffhausen, Stadtkirche St. Johann, südliches Seitenschiff, Gewölbekonsole, vermutlich Augustin Henkel, 1515 – 1517. Kein Meerweibchen, aber ein Meermännchen!

Videoempfehlung

Ein Forschungsprojekt der TU Dresden hat vor ein paar Jahren die spätmittelalterliche Gewölbeplanung näher erforscht. Wenn Sie sich dafür interessieren, empfehle ich wärmstens, das im Zuge dieses Projekts entstandene Video anzuschauen.

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